Selbstwirksamkeit für hochsensible Menschen Teil I: Wege aus der Grübelfalle

Warum kommen hochsensible und hochbegabte Menschen häufig langsamer ins aktive Tun, trotz ihres vielfältigen Potenzials? Das erfährst du hier im ersten Teil.



„Bestimmt stellen Sie auch hohe Ansprüche an sich selbst und wollen immer alles perfekt machen. Sie handeln nur, wenn etwas ganz sicher und ideal erscheint. Die wahrgenommene Komplexität lässt sie vorsichtig und ängstlich sein, denn die Perspektivenvielfalt eröffnet ihnen eine Welt voller verschiedener Möglichkeiten – aber welche ist nun die richtige? Dies will gründlich beobachtet und durchdacht werden und aus diesem Grund fehlt hochsensitiven Menschen das nötige Selbstvertrauen, einem ersten Impuls zu folgen.“ (Trappmann-Korr 2011: 172 f.)*


Dieses Zitat aus dem Buch Hochsensitiv: Einfach anders und trotzdem ganz normal“ von Birgit Trappmann-Korr (2011) vermittelt die grundlegende Ausgangsposition, aus der heraus hochsensitive Menschen ihre Wahrnehmung und ihr alltägliches Verhalten ableiten. Wesentlich ist dabei der zumeist erhöhte Anspruch an die eigenen Fähigkeiten und die damit zusammenhängende selbstkritische Betrachtungsweise, allzu oft den eigenen Anforderungen oder denen des Umfelds nicht gerecht werden zu können.


Augenscheinlich erkennbar ist dabei der Wunsch, alles, was sie angehen und planen, in perfekter Art und Weise zu erledigen. Ist diese Form des perfektionistischen Ansatzes je nach sozialer Prägung und dem individuellen Lebenskontext übermäßig stark vorhanden, kann dies bis zu einer Art „Lähmung“ im selbstwirksamen Denken und Handeln führen.




Mentales Gedankenkarussell als Merkmal hochsensibler und hochbegabter Menschen

Damit einher geht somit ein hoher Grad an Selbstreflexion sowie auch an Reflexion der sie umgebenden Situationen und Sachverhalte allgemein. Sowohl in Bezug auf die eigene Persönlichkeit und ihre Fähigkeiten als auch auf sich bietende Möglichkeiten zum Aktivwerden sind hochsensitive Menschen oft in der herausfordernden Lage, zu lange und zu viel nachzudenken. Bevorstehende (wie ebenso vergangene) Ereignisse werden in all ihren Möglichkeiten und alternativen Handlungsabläufen durchgespielt, um so zumindest mental auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Dies gibt ihnen die Sicherheit, ihre Reaktionen auch auf unvorhergesehene Abläufe bereits im Vorfeld planen zu können und damit eine Art Drehbuch griffbereit in der „kognitiven Tasche“ zu haben.



Ebenso wird in Trappmann-Korrs Zitat deutlich, dass hochsensitive Menschen in ihrem Geiste vielen Situationen, die anderen Menschen als relativ „banal“ erscheinen, eine ungeheure Komplexität ableiten können. Durch ihre intensive Wahrnehmung spüren sie diesen nicht nur mental, sondern auch körperlich sehr intensiv nach. Ein hohes Maß an Perspektivenvielfalt kann sie daher nicht selten geradezu überfordern und trotz ihres hohen Potenzials daran hindern, kaum oder gar nicht aktiv zu werden. Die gedankliche Lähmung schlägt sich auch in einer Art körperlicher Blockade nieder.





Also welche Möglichkeit, welcher Weg ist nun gerade der richtige?

Ist die selbstreflexive Gedankenspirale erst in Gang gekommen, kann es hochsensitiven Menschen äußerst schwerfallen, aus diesem mentalen Konstrukt zurück auf die Handlungsebene zu kommen. Dabei ist es für sie umso wichtiger, in vielen Situationen einfach „ihrem ersten Impuls“ nachzuspüren, der einem ihrer größten inneren Ratgeber entspringt: ihrer Intuition. Diese fragt wenig, stellt dafür umso schneller fest und zeigt hochsensitiven Menschen auf emotionaler Ebene den für sie gangbaren Weg.


So stellte der Psychoanalytiker Arno Gruen (1923-2015) immer wieder zutreffend fest: Wir entfremden uns von unseren ureigenen Fähigkeiten und Emotionen, wenn wir verlernen, auf unsere Gefühle bewusst zu hören. Damit ist es gerade für hochsensitive Menschen von unermesslicher Bedeutung, (wieder) zu lernen, auf ihre tiefgehenden Empfindungen und körperlichen Reaktionen zu vertrauen und damit zu ihrem größten, ihnen angeborenen Kapital zurückzukehren: ihre Selbstwirksamkeit.


Durch Selbstvertrauen mutig sein

Allerdings ist dieser Vorgang mehr mit Hindernissen behaftet, als es sich auf den ersten Blick erahnen lässt. Allzu häufig haben hochsensitive Menschen eine individuelle Lebensgeschichte, die sie in weniger idealem Umfeld aufwachsen lässt und weswegen sie den Bezug zu ihrem inneren Ratgeber, d.h. zu ihrer Intuition und damit zu ihrer inneren Stimme, verloren haben. Wie Trappmann-Korr es so treffend umschreibt, fehlt ihnen häufig das nötige Selbstvertrauen, sich auf ihre persönlichen Potenziale zu verlassen und diese selbstwirksam „in die Tat umzusetzen“. Der beherzte Schritt in Richtung Performanz scheint der schwierigste zu sein und wird nicht selten in die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen – das eigentliche Vorhaben wird nie in Angriff genommen.

Alleine das individuelle Bewusstsein für die charakteristischen, integralen Persönlichkeitsmerkmale hochsensitiver und hochbegabter Menschen und das Vertrauen auf ein positives, stärkenorientiertes Selbstbild (dessen Grundstein übrigens bereits durch die Begleitung des Umfelds von Geburt an und während der Kindheit gelegt wird) ermöglichen die Entwicklung eines angemessenen Selbstvertrauens

der erste Schritt zu einer gesunden Beziehung mit sich selbst. Um dieses positive Selbstbild zu erlangen und damit in einen andauernden Zustand der Selbstwirksamkeit zu kommen, ist für hochsensitive Menschen eine Neubewertung und damit ein Perspektivwechsel nicht nur förderlich, sondern in vielen Fällen unabdingbar.



Lies gerne gleich weiter im zweiten Teil: Der fokussierte Blick von oben - 3 Gründe für einen ungewöhnlichen Perspektivwechsel beim Tandemflug mit dem Gleitschirm


Zum Thema "Wie die Erfahrungen der Kindheit das Leben hochbegabter Erwachsener beeinflussen" habe ich folgenden Beitrag veröffentlicht: Hochbegabte Kinder - ihre Wahrnehmung, ihre Bedürfnisse und der Blick des Umfelds





Anm.: Die beiden Begriffe „hochsensitiv“ und „hochsensibel“ verwende ich in diesem Artikel und auf meinen Internetseiten synonym – „hochsensibel“ ist der allgemein gebräuchliche Begriff für diese angeborene Veranlagung, die Bezeichnung „hochsensitiv“ impliziert meiner Auffassung nach den wissenschaftlichen Anspruch an das Thema.





Quellen:


- Gruen, Arno (2015): "Dem Leben entfremdet. Warum wir wieder lernen müssen zu empfinden". München: dtv.

- Trappmann-Korr, Birgit (2011): "Hochsensitiv: Einfach anders und trotzdem ganz normal. Leben zwischen Hochbegabung und Reizüberflutung". Kirchzarten: VAK.


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