Hochbegabte Kinder - ihre Wahrnehmung, ihre Bedürfnisse und der Blick des Umfelds

Wie die Erfahrungen der Kindheit das Leben hochbegabter Erwachsener beeinflussen


Hochbegabte Erwachsene weisen typischerweise einen konstant stark ausgeprägten Bezug zu einer durchlebten „Lebensgeschichte“ auf. Schon während ihrer Kindheit haben sie frühzeitig erkannt, welche Erwartungen das soziale Umfeld an sie stellt (Eltern, ErzieherInnen, LehrerInnen etc.) – oft auch subtil durch das „Lesen zwischen den Zeilen“ in vielfältigen, alltäglichen Begebenheiten.





Diese besondere Wahrnehmung prägt von klein auf ihre Einschätzung sozialer Situationen, mit denen sie gut zurechtkommen können, an die sich viele hochbegabte Kinder aber auch je nach Lebenskontext entweder hochgradig anpassen oder gegen die sie in starker Form rebellieren können. Diese beiden Verhaltensmuster sind wiederum als Reaktionen auf dauerhaft ungünstige Alltagsumstände zu verstehen, die ihren Grundbedürfnissen nicht gerecht werden.



„Es gibt keine ‚zufälligen Erinnerungen‘; aus der unberechenbar großen Anzahl von Eindrücken, die den Menschen treffen, wählt er nur jene als Erinnerung aus, von denen er – wenn auch nur dunkel – spürt, dass sie für seine Entwicklung wichtig waren. So stellen seine Erinnerungen seine ‚Lebensgeschichte‘ dar, eine Geschichte, die er sich selbst erzählt, um sich zu warnen oder zu trösten, sich die Ausrichtung auf sein Ziel zu erhalten und sich darauf vorzubereiten, mit Hilfe verflossener Erfahrungen der Zukunft mit einem bereits erprobten Handlungsstil zu begegnen.“

(Alfred Adler, 1870-1937, Begründer der Individualpsychologie)*



Anpassung als Bewältigungsstrategie hochbegabter Erwachsener


Da hochbegabte Menschen bereits in ihrer Kindheit in Elternhaus und Kindergarten in vielfältigen Situationen häufig an die Grenzen ihres Andersseins geraten sind, eignen sie sich schon früh einen gewissen Handlungsstil an, mit dem sie versuchen, sich an die äußeren Gegebenheiten erfolgreich anzupassen. So wie in obigem Zitat erwähnt, bereiten sie sich ununterbrochen darauf vor, „mit Hilfe verflossener Erfahrungen der Zukunft mit einem bereits erprobten Handlungsstil zu begegnen“. Aus durchlebten Situationen leiten sie gemäß ihrer charakteristischen Fähigkeit zum Transferdenken passende Verhaltensmuster für bevorstehende Ereignisse ab.


Haben sie beispielsweise die Erfahrung gemacht, durch ihre Angepasstheit möglichst unauffällig und mit wenig persönlichem Energieaufwand den Umgang mit den sie umgebenden Personen zu meistern, werden sie die gleichen Strategien immer wieder anwenden. Diese werden für sie zu einer Art „übergestülptem Lebensgefühl zur Bewältigung des Alltags“, das im Lauf der Zeit immer weniger hinterfragt und als gänzlich „normal“ angenommen wird – ob es ihrem individuellen, hochbegabten und hochsensiblen Wesen entspricht oder nicht.


Dies ist auf der einen Seite ein geschickter Schachzug, um sich „durchzuschlagen“, ohne aufzufallen, anzuecken oder allzu oft in Konflikte zu geraten, die im Sinne der Übererregung gerade für hochsensible bzw. hochbegabte Menschen sehr energiezehrend sein können. Auf der anderen Seite aber hindert diese Angepasstheit sie daran, ihr individuelles Potenzial zu entfalten und ihre PS „auf die Straße zu bringen“. Sie verlieren in ihrer Rolle den Kontakt zu ihren ureigenen Bedürfnissen, können diese sogar verleugnen oder das eigene Bewusstsein gänzlich dafür verlieren – allzu bequem scheint die bisher gefahrene Taktik, die eigene Persönlichkeit unter dem Deckmantel des „Es-allen-recht-machen-Wollens“ zu verstecken.


Was passiert, wenn sich hochbegabte Erwachsene zu sehr anpassen?


Sind hochbegabte Menschen übermäßig angepasst, ist ihnen bald selbst in keiner Weise mehr bewusst, welche aufgezwungene Rolle sie eingenommen haben. Ungerechtfertigte Kritik aus dem Umfeld können sie oft nicht als solche wahrnehmen, da sie diese als durchaus „nachvollziehbar“ einstufen – sind es doch die anderen, die „normal“ sind und ihnen den Weg für „richtiges“ Verhalten weisen. Sie können somit Ungerechtigkeiten sich selbst gegenüber oft nicht als solche werten und suchen den Fehler bei sich. Ihr hoher Grad an Reflexionsvermögen bietet ihnen dazu immer wieder neue Gedankengänge, die ihre Theorie in dieser Hinsicht belegen. Aufgrund ihrer hohen Vorstellungskraft und ausgeprägten Denkfähigkeit („ununterbrochenes Reflektieren“) finden sie schnell Argumente, die die negative Einschätzung des Umfelds bezüglich ihres Verhaltens zu rechtfertigen scheinen.



Etiketten als häufige Rückmeldung aus dem sozialen Umfeld


Dazu kommt unter anderem die Tatsache, dass hochbegabte Kinder bezüglich ihrer Reaktionen im Alltag aus Unkenntnis über ihre Veranlagung schon früh mit generellen Etiketten versehen werden, wie z.B. mit der pauschalen Attribuierung „zu“ – und das ist eine der entscheidenden Prägungen, die sie ein Leben lang begleiten wird: zu empfindlich, zu laut, zu schüchtern, zu rebellisch, zu sensibel, zu stur.


Wird die Hochsensibilität bzw. Hochbegabung im Elternhaus nicht erkannt, besteht die Gefahr, dass dieses Denkmuster sich tief im Selbstgefühl des Kindes verankert und ein Leben lang als Sichtweise auf die eigene Persönlichkeit erhalten bleibt. Ein Teufelskreis aus Minderwertigkeitsgefühlen, mangelndem Selbstvertrauen und fehlendem Bewusstsein für die eigene Wahrnehmung beginnt. Nicht selten gerät dabei der Kontakt zu den ureigenen Bedürfnissen und Fähigkeiten gefährlich ins Wanken. Je nach Grad der kontinuierlichen Anpassung geht die Verbindung zur inneren Stimme gänzlich verloren.


Diese Art von „Grundsteinlegung“ im Lauf der frühen Kindheit kann sich bereits während der Schulzeit in negativer Art und Weise bemerkbar machen. So geprägte hochbegabte Kinder werden als Schülerinnen und Schüler nicht selten zu sogenannten „Minderleistern“ (engl. „Underachievern“), da sie durch die starke Form der Anpassung kaum Selbstvertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit entwickeln konnten.


So sinkt während ihrer Schullaufbahn ihre eigene innere (d.h. ihre intrinsische) Motivation ebenso merklich wie kontinuierlich ab, ihr ihnen angeborenes Potenzial nach außen tragen zu wollen. Dauerhafte Versuche, das Umfeld von ihren Fähigkeiten zu überzeugen, sind für sie ihrem Wesen entsprechend wenig reizvoll – lieber behalten sie für sich, was sie zu leisten im Stande wären.



Potenzialentfaltung schwer gemacht


Häufig wird beobachtet, dass eher Mädchen in ein Muster hochgradiger Anpassung verfallen, während Jungen sich zumeist in den Status der Rebellion in Bezug auf den unpassenden Lebenskontext begeben – jedoch sind sowohl Anpassung als auch Rebellion bei beiden Geschlechtern zu beobachten. Allerdings existieren in Kindergarten und Schule eher die Bilder des „braven“ Mädchens (da angepasst und die eigene Persönlichkeit verleugnend) und des Jungen als „wilden“ Klassenclowns, der wiederum beispielsweise sehr schnell den Stempel „Zappelphilipp“ bzw. die Diagnose „ADHS“ erhalten kann. Über die Zusammenhänge zu den Themen Hochsensibilität und Hochbegabung existiert leider bis heute an vielen Institutionen immer noch zu wenig bis keine Fachkenntnis.


Um diese festsitzenden Etiketten im Erwachsenenalter bewusst und nachhaltig zu lösen, bedarf es einer fundierten inneren Arbeit und einer konstruktiven, wertschätzenden Herangehensweise. Rückblickend werden dabei Situationen neu bewertet (Methode des „Reframing“ bzw. „Neubewertens“ von Situationen).

Vor dem Hintergrund der bisher unbewusst vorhandenen – da nicht als solche erkannt – gesteigerten Wahrnehmung und der erhöhten Intensität in unterschiedlichen Bereichen sowie dem damit verbundenen hohen Bedürfnis nach gründlicher Reizverarbeitung werden diese in einen logischen, sinnstiftenden Zusammenhang gebracht.


Diese konstruktiven Impulse verfestigen sich Schritt für Schritt zu einem positiven Selbstbild.




* zitiert aus Brunner, Reinhard/Titze, Michael (1995) (Hrsg.): Wörterbuch der Individualpsychologie. München, Basel: Reinhardt.



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