Wie Hochsensibilität, Hochbegabung und ADHS zusammenhängen


Fehldiagnosen als Weichensteller für die kindliche Entwicklung

Immer noch wissen zu wenig Eltern, aber auch ErzieherInnen und PädagogInnen sowie auch therapeutisch tätige Fachpersonen in unterschiedlichen Bereichen über die charakteristischen Verhaltensmerkmale von Hochsensibilität und Hochbegabung Bescheid. So gelingt bei der Beurteilung typischen Verhaltens hochbegabter Kinder viel zu selten eine konstruktive Einordnung, die den Blick auf ihre Stärken berücksichtigt. Als Reaktion auf impulsives, auf den ersten Blick unkooperativ oder unkonzentriert scheinendes Verhalten wird dabei allzu voreilig die Karte „ADHS“ gezückt.


Es herrscht leider bis heute zum größten Teil die Ansicht, dass jegliches Benehmen einem bestimmten Muster der Kategorie „normal“ folgen und andernfalls bzw. davon abweichend in jedem Fall als „defizitär“, „auffällig“ bis hin zu „therapiebedürftig“ eingestuft werden muss.


Nicht selten beginnt durch die pauschale Verteilung dieser Etiketten für viele Kinder ein Kreislauf aus Ablehnung und Pathologisierung ihres Verhaltens sowie damit auch ihres ganzen individuellen Wesens. Ist der „Diagnosemodus“ im Hinblick auf ein Kind erst einmal in Gang gekommen, wird es schwer, den Blick durch die Defizitbrille gänzlich und unvoreingenommen wieder abzulegen und in die entgegengesetzte, wertschätzende Richtung zu wenden.


Auswirkungen auf die kindliche Selbstwahrnehmung ohne Kenntnis der Begrifflichkeiten


Dabei handelt es sich in vielen Fällen mitnichten um Diagnosen, die ohne umgehende negative Konsequenzen für die Kinder bleiben. Häufig werden typische Verhaltensmuster hochbegabter bzw. hochsensibler Kinder in die Kategorie „psychische Störung“ verlagert und haben immer noch viel zu häufig entsprechende Therapien oder ebenso oft sogar medikamentöse Behandlungen zur Folge. Diese Maßnahmen gehen in ihrer Konsequenz nicht spurlos an der kindlichen Psyche vorbei.



Wenn AD(H)S vermutet wird

Zunächst kann eine erfolgte AD(H)S-Diagnose eine Entlastung für alle beteiligten Bezugspersonen, vor allem natürlich verständlicherweise für die in vielerlei Hinsicht geforderten Eltern, darstellen. Die vermeintliche „Verhaltensstörung“ hat einen Namen bekommen und wirkt damit weniger befremdlich. Es kann bezüglich einer adäquaten Behandlung recherchiert und ihre Anwendung in Betracht gezogen werden, um damit zu einer Lösung von alltäglichen problembehafteten Situationen beizutragen (therapeutisch oder medikamentös). Für die Eltern bedeutet dies im ersten Schritt eine enorme Erleichterung in vielerlei Hinsicht.

Allerdings kann sich parallel dazu beim von der Diagnose betroffenen Kind im Lauf der Zeit ein tiefgründiges Gefühl der Nichtpassung im Sinne von „Ich bin falsch“ sowie auch ein Bewusstsein darüber einprägen, bereits von Geburt an ein Erdenbewohner mit vielfältigen Defiziten zu sein. So wird das Kind durch diese Betrachtungsweise in vielen Fällen in seiner natürlichen, individuellen und vor allem gesunden psychischen Entwicklung in einem frühen Lebensstadium empfindlich gestört.



Schon früh prägt sich in der Selbstwahrnehmung des Kindes ein, den Erwartungen der Erwachsenen mit der eigenen Persönlichkeit nicht gerecht werden zu können. So sehr sich das Kind auch zu bemühen scheint, kann es die Anforderungen an sein Benehmen doch nicht erfüllen.



Und das aufgrund seiner ganz natürlichen, wertvollen Veranlagung und seiner damit verknüpften altersgerechten, individuellen Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen.

Es steckt damit in einem Teufelskreis ohne Ausstiegsmöglichkeit fest. Ist durch die Erwachsenen keine uneingeschränkt wertschätzende, konstruktive sowie vor allem stärkenorientierte Unterstützung zu erwarten, sind Probleme nicht nur in entwicklungspsychologischer Hinsicht, sondern vor allem auch in Bezug auf das Sozialverhalten des Kindes sowie auch auf sein späteres persönliches Zurechtkommen in dieser Welt zu erwarten.



Kindliches Verhalten hat immer einen Grund

Einer der wichtigsten Aspekte, um Hochbegabung von pathologischem Verhalten zu unterscheiden, ist beispielsweise die Kontextualisierung des Verhaltens.


„Der Kontext, in dem ein bestimmtes Verhalten auftritt, bleibt beim diagnostischen Prozess jedoch nur allzu oft außen vor; er wird nicht annähernd so gründlich untersucht wie das Verhalten selbst." (Webb 2015: 278)

Es stellt sich dabei u.a. die Frage, warum ein Kind, das sich schon oft verständig und auffallend vernünftig verhalten hat, in der gleichen Situation zu einem anderen Zeitpunkt alles andere als kooperativ scheint. Werden die Umstände näher beleuchtet, können Zusammenhänge für ein bestimmtes Verhalten ausgemacht werden, die eine natürliche Erklärung liefern.



Genauso kann einem Kind, das als „Leistungsverweigerer“ in der Schule oder sogar als „Schulverweigerer“ etikettiert wird, beispielsweise das Label „oppositionelles Trotzverhalten“ bis hin zu „ADHS“ aufgeklebt werden – vor dem Hintergrund der hochbegabten Veranlagung lassen sich diese Diagnosen allerdings Schritt für Schritt behutsam entkräften: Das Verhalten resultiert aus einer differenzierten Wahrnehmung des Systems „Schule“, das oft per se von hochbegabten Kindern „durchschaut“ wird (weswegen sie z.B. häufig die Sinnhaftigkeit von Regeln hinterfragen) sowie beispielsweise aus einer schon lange schwelenden geistigen Unterforderung bzw. aus dem Mangel an Abwechslung.


Auch werden viele, sich in Kindergarten oder Schule täglich wiederholende Situationen durch die umfassende und als sehr empfindsam einzustufende Wahrnehmung hochbegabter Kinder anders gewertet. Ungerechtigkeit gegenüber sich selbst und anderen Kindern wird stark nachempfunden (ebenso intensiv wie nachwirkend), das Level einer Reizauslastung und damit das Bedürfnis nach Rückzug und Erholung schneller als bei anderen Kindern erreicht.


Auch die psychomotorische Intensität und damit der bei vielen hochbegabten Kindern deutlich ausgeprägte, natürliche Bewegungsdrang findet im normalen Schulalltag meistens zu wenig Berücksichtigung und wird dem Kind schnell als Entwicklungsdefizit ausgelegt (wobei mittlerweile auch in Bezug auf Erwachsene bekannt ist, dass es sich "in Bewegung" viel besser lernen, arbeiten oder Stress abbauen lässt).


Im Umgang mit diesen oder ähnlichen Verhaltensweisen wird viel zu selten berücksichtigt, dass es sich um ein hochbegabtes Kind handeln könnte, das sich in einer unpassenden Bildungsumgebung befindet.


"Gerade die Intensität hochbegabter Kinder ist möglicherweise der Grund dafür, warum sie viel Zeit und Energie in Dinge investieren, die gerade im Fokus ihrer Aufmerksamkeit stehen. Allerdings kann das auch ein ganz anderer Fokus sein als der, den der Lehrer oder die Eltern wollen." (Webb 2015: 91)

Mit einem Blick abseits defizitärer Kategorisierungen wirkt sich eine wertschätzende und das Kind in seinem Wesen bestärkende Begleitung positiv auf seine individuelle Selbstwahrnehmung und damit auf seine ganze individuelle Entwicklung aus.



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Quellen:

- Webb, James T. (2015): "Doppeldiagnosen und Fehldiagnosen bei Hochbegabung. Ein Ratgeber für Fachpersonen und Betroffene." Bern: Verlag Hans Huber.



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